RabenZeit

Auf der Suche nach dem goldenen Zeitalter.

Kongo als Kolonie.

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Der Kongo versinkt wieder in Gewalt und Terror. Ein Bürgerkrieg, der die ganze Komplexität der Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent beinhaltet. Kriege hat es auf dem afrikanischen Kontinent schon vor der Errichtung der Kolonialreiche gegeben, so wie Kriege auf allen Erdteilen schon immer Teil der Politik gewesen sind. Doch erst die Entwurzelung der Afrikaner von ihren kulturellen Wurzeln und die Aufteilung des afrikanischen Kontinents im Rahmen der Kongo-Konferenz ohne Rücksicht auf Bevölkerungsgruppen hat die Grundlagen gelegt für die heutigen Konflikte in Zentralafrika. Damals hat alles begonnen …

2008-11-15-kongo-leopold1Henry Morton Stanley war nicht nur der Mann, der Livingston wiederfand, sondern auch der als erster Europäer den Kongo bereist und erforscht hat, wenngleich er auch sagte, dass er das Land von Herzen verabscheut. Dennoch bemühte er sich darum, dass die Briten das Gebiet ihrem Empire angliederten. Da diese jedoch nicht darauf keine Lust hatten (waren wohl gerade Koloniemüde) sah Leopold II., seines Zeichens König von Belgien, seine Chance gekommen über ein größeres Land zu herrschen. Mit dem Ziel seiner eigenen persönlichen Kolonie wurde 1876 in Brüssel eine Gesellschaft zur Erforschung des Kongo gegründet. Von 1979 bis 1885, also in sechs Jahren, hat Stanley durch 450 Kaufverträge mit verschiedenen Bantu-Häuptlingen einen großen Teil des Landes für Leopold „erworben“.

In den besagten Verträgen gab es auch eine Klausel, die auf Grund der Unmächtigkeit des Lesens und der fremden Sprache seitens der Häuptlinge nicht mal klein geschrieben werden musste, und wie folgt lautete: „… dass alle Arbeiten, Verbesserungen oder Expeditionen, welche die genannte Association zu irgendwelcher Zeit in irgendeinem Teil dieser Gebiete veranlassen wird, durch Arbeitskräfte oder auf andere Weise unterstützt werden.“ Man hatte Land, man hatte (durch den Vertrag) die Zwangsarbeiter – also konnte es losgehen. Es begann mit einer Strasse von der Kongo-Mündung bis zum Stanley-Pool, von wo aus der Kongo schiffbar war; es folgen die Dampfschiffe; eine Stadt wurde gegründet (das heutige Kinshasa, früher Leopoldville) und an 1.500 km Flusslauf wurden weitere Stationen errichtet. Alles natürlich zum Wohle der Wissenschaft und im Kampf gegen arabische Sklavenjäger.

1884 wurde die Aufteilung Afrikas auf der Kongo-Konferenz dann beschlossen, auf der auch Stanley teilnahm. Belgien bekam den Kongo zugesprochen, aber wie die Briten zuvor wollten auch die Belgier das Land nicht. Bis auf Leopold natürlich. Also bekamen die Belgier nicht das Land, sondern Leopold, der ihn als „Privatbesitz der belgischen Krone“ erhielt, mit der Verpflichtung „die Erhaltung der eingeborenen Bevölkerung und die Verbesserung ihrer sittlichen und materiellen Lebenslagen zu überwachen, an der Unterdrückung der Sklaverei und des Negerhandels mitzuwirken“ und „religiöse, wissenschaftliche und wohltätige Einrichtungen und Unternehmungen zum Besten der Eingeborenen zu schützen“. Leopold erklärt sich zum Eigentümer des Landes in Zentralafrika und erlässt eine Verfassung: Der Kongo-Freistaat mit einem Status jenseits des Völkerrechts war gegründet.

Das Spielzeug des Monarchen war 75 mal größer als Belgien – und unter dem gerechten Herrscher konnte es ja jetzt für das Land am Kongo nur noch aufwärts gehen und die Zivilisation Einzug halten. Dafür musste man aber erstmal Ordnung geschaffen (Zerschlagung der alten Bantu-Reiche) und der rechte Glauben gelehrt (Auftrieb für die christliche Missionierung) werden. Dann förderte man die Wirtschaft durch den Erwerb eines Zugangs zum Meer am Unterlauf des Kongo und das Anlegen von Kautschukplantagen, durch den Beginn des Abbaus von Kupfer in der Provinz Katanga und dem Verkauf von Elfenbein. Durch das Staatsmonopol und die Zwangsarbeit hat aber nicht unbedingt jeder vom wirtschaftlichen Aufschwung profitiert.

2008-11-15-kongo-zwangsarbeNatürlich kostet das Alles Geld, was Leopold durch Verkauf von Nutzungsrechten an Gesellschaften aufbringt. Die Firmen fördern den wirtschaftlichen Aufschwung mit unterschiedlichen Mitteln: Enteignung, noch mehr Zwangsarbeit, … Zwischen 1888 und 1908 verloren ungefähr zehn Millionen Kongolesen in den Kongogräuel ihr Leben (nach belgischen Ermittlungen von 1924). Die alten Wirtschaftsformen des Landes wurden zerstört und die Bevölkerung wurde von den Kolonialherren abhängig. Gräueltaten waren an der Tagesordnung, so wurden alle Frauen eines Dorfes ermordet, wenn die Männer nicht die geforderte Menge an Kautschuk gesammelt hatten. Der angebliche Handel mit der Kolonie war auch einseitig, denn die Schiffe zum Freistaat waren nur mit Waffen für die Kolonialtruppen beladen.

Als diese Taten an die Öffentlichkeit gelangten sorgte es in der ganzen Welt für Empörung. 1903 starteten die Briten eine Untersuchung der Vorkommnisse, aber erst 1908 verkaufte Leopold II., ein Jahr vor seinem Tod, sein kleines Reich in Afrika an den Staat Belgien. Das Land wurde umbenannt in „Belgisch-Kongo“ und es erhielt eine neue Verfassung. Nachdem 1910 auch die Zwangsarbeit abgeschafft wurde hätte es besser werden können. Da die Kontrolle aber wohl nicht besonders scharf war ging das Leid für die Kongolesen weiter. Während Belgien sich durch einen florierenden Handel mit kongolesischen Produkten (z.B. Kautschuk, Palmöl, Kaffee) und Rohstoffen (Kupfer, Blei, Zink, Diamanten) in die Riege der erfolgreichen Kolonialstaaten aufstieg, übten die Konzessionsgesellschaften wie schon unter Leopold vor Ort die wahre Macht aus und bestimmten noch bis in die 60er Jahre die politische und wirtschaftliche Entwicklung.

Da die europäischen Mächte auch Land in Afrika hatten wurde auch dort der erste Weltkrieg geführt. Belgien, aus berechtigten Gründen nicht gut auf Deutschland zu sprechen, unterstütze 1916 die Briten in ihrem Vorgehen gegen Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Ruanda und Burundi), indem sie das Gebiet Ruanda-Urundi besetzten. Das machte sich nach dem Krieg bezahlt und 1920 erhielt Belgien das Völkerbundmandat über das Gebiet, was 1925 zur verwaltungstechnischen Angliederung an Belgisch-Kongo führte. Und weil man praktisch veranlagt war, die Kongolesen zum Abbau der Rohstoffe nicht ausreichten und die Ruander und Burundis wahrscheinlich eh nichts zu tun hatten begann eine Umsiedlung, die noch heute für ethische Konflikte im Osten des Kongos sorgt.

2008-11-15-kongo-19281928 erfolgte die Gründung der „Société Générale“, die als Bergbau- und Finanzfirma gewaltig wuchs und die Plünderung des Landes organisierte. Der zweite Weltkrieg begann und die Industrie im Kongo erlebt einen unheimlichen Aufschwung, denn um einen Krieg zu führen braucht man Kupfer und Gummi – und Uran für das Atombombenprogramm der USA. Während die kongolesische Armee (ja, das scheint es gegeben zu haben) in Nordafrika gegen die Italiener kämpft verbessert sich im Land die Infrastruktur und die Industrialisierung verstärkt die Verstädterung des Landes. Doch die gesamte Verwaltung des Landes lag in den Händen der Weißen und auch der Profit aus den Rohstoffen des Landes und den industriellen Produkten flossen weiter in die Taschen der Europäer.

Die Wege vom Kongo und von Ruanda-Urundi trennten sich 1946 teilweise, bis Ruanda-Urundi 1962 die Unabhängigkeit erhielt. Die Rückführung der „Gastarbeiter“ aus dem Kongo wurde dabei aber irgendwie vergessen. In Belgisch-Kongo ging es wirtschaftlich weiter aufwärts, aber die Kongolesen verloren so langsam die Lust an der belgischen Kolonialpolitik. Dabei war es kein gemeinsames „Wir wollen einen Staat Kongo“, sondern ein gemeinsames „Belgier go home“. Und Belgien bewegte sich. Zwar nicht in Richtung Heimat, aber zumindest in Richtung Reformen. Das Ergebnis waren 1957 Kommunalwahlen (130 von 170 Sitze für die Kongolesen) und die Gründung politischer Parteien, darunter die bisher im Untergrund existente Abako (Alliance de Bakongo) und das MNC (Mouvement National Congolaise). Auf einem Kongress vieler Parteien und Bewegungen forderte man 1959 die Unabhängigkeit, denn man schnupperte den Duft der Freiheit.

Lumumba, Chef des MNC, schnupperte daraufhin aber 1959 erstmal Gefängnisluft. Drei Monate dauerte die Haft und Folter für Lumumba, bis die belgische Regierung kapiert hat, dass sie die Kontrolle über das riesige Land so langsam verliert. Und so konsequent wie die Kolonialherren in der Ausbeutung des Landes waren, so konsequent reagierten sie auch auf ihre fundamentale Erkenntnis: Belgien kündigte freie Wahlen an (Sieger wurde der MNC mit Lumumba) und gerade mal sechs Monate später wurde das Land in die Unabhängigkeit entlassen (nur die militärische Führung blieb in Belgiens Händen). 76 Jahre nachdem die Stammesgebiete zwangsvereint wurden. 76 Jahre der Ausbeutung und Unterdrückung. 76 Jahre, in der die Kongolesen keine Verantwortung und meist auch keine Bildung erhalten haben, werden sie innerhalb von sechs Monaten in die Unabhängikeit entlassen.

Belgien hatte sich in den Jahren kaum um gerechte Zustände, soziale Wohlfahrt, medizinische Versorung oder das Bildungssystem gekümmert. Es hatte den Kongolesen den Wunsch nach Unabhängikeit erfüllt, doch es gab keine afrikanischen Offiziere, im Staatsdienst gab es nur drei Afrikaner in leitenden Positionen und landesweit gab es lediglich dreissig Kongolesen mit akademischer Ausbildung. So hoffe Belgien darauf, dass das Chaos ausbricht und man sie anfleht wieder die Herrschaft zu übernehmen. Doch die Kongolesen bemühten sich – bis sich schon nach wenigen Monaten die Europäer und Amerikaner wieder im Kongo engangierten. Doch darüber, über die weiteren Entwicklungen in dem afrikanischen Land, das beispielhaft für viele Länder des schwarzen Kontinents steht, werde ich in einem späteren Artikel schreiben …

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Written by Rabe

16. November 2008 um 02:47

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